Gedichte – Andreas Chilinski

Andreas C.

Alltag

Alltag

Version I

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Es scheißt der Kranich

auf die Amsel

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Der Ast fällt, wohin er fällt –

auf das Beet

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Das Mädchen

sieht den Wurm zu spät

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Die Amsel singt

"Was geht?"

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6.10.2025

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Weitere Versionen

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Anmerkungen

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Nachdem ich das Gedicht geschrieben und die ersten Versionen entschieden hatte, erinnerte ich die grotesken Gedichte von Alfred Lichtenstein (*23.08. 1889, †25.09.1914).

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Nach nun - nach einigen Jahren - erneutem Lesen des biografischen Essays von Hartmut Vollmer (Quelle siehe unten) a wird mir deutlicher als zuvor bewusst, dass mich mit Lichtenstein einiges verbindet: der Blick auf die eigene Lyrik, der überwiegende Blick der anderen (der Zeitgenossen) auf unsere Lyrik, die eigene Lebenssituation - auch wenn die gewesenen und aktuellen gesellschaftlichen und politischenb Verhältnisse und auch unsere Biografien sich sehr unterschei-den -, insbesondere aber die Sicht auf die Welt, auf das Leben.

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Bleiben wir bei der hier gemeinten Sicht auf das, was und wie es - scheinbar!c - ist, und bei dieser Website und dem mir vorliegenden Lichtenstein-Buch, so kann meine in einigen Gedichten und in "Über mich" zur Kenntnis genommen werden, die Lichtensteins in einigen seiner Werke

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- klar z. B. in einer seiner Geschichten den seiner zentralen literarischen Figur 1, seinem Alias, Kuno Kohn in den Mund gelegten Aussagen "Wir sterben mit jedem Tage tiefer in den öden ewigen Tod ein. Wir sind hoffnungslos zerrüttet. Unser Leben wird ein sinnloses Schau-Spiel bleiben. … […] [D]a lehnt man nun; irgendwo; irgendwie; ohne Beziehung; ganz belanglos; könnte ebenso gut, ebenso schlecht weiterschreiten; irgendwohin."2 -

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und im Essay Vollmers, z. B in folgenden drei Aussagen:

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"Lichtensteins Erfahrung des sinnlosen Daseins, […]."3 "Er suchte radikalere Stilformen, mit denen er die zunehmende Erfahrung der Absurdität des Daseins genauer, konsequenter gestalten konnte."4 Ein "Snob der Leere, des Totalzweifels, der Ziellosigkeit, der Nihilität" (so der zeit-genössische Expressionist Kurt Hiller über den Expressionisten Lichtenstein).5

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Ein herzlicher Gruß also an Alfred Lichtenstein! Und an meinen - selbst Gedichte und Prosatexte schreibenden - Freund Uwe-Andreas Vogt (*1.3.1958, †26.05.2023), der mir das genannte Buch schenkte und mir damit Lichtenstein und sein Werk bekanntmachte!

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[An dieser Stelle sei mir der Hinweis auf mein Gedicht "Pro patria" gestattet – geschrieben, lange bevor ich die Gedichte Alfred Lichtensteins kannte.]

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a Selbstverständlich habe ich auch die Gedichte Lichtensteins, die mich besonders ange-sprochen haben, erneut gelesen.

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b"Gesellschaftliche Verhältnisse" verstehe ich als Summe aller gesellschaftsrelevanten Verhältnisse, demzufolge die politischen Verhältnisse als Teil der gesellschaftlichen. Da sie in ihrem So-Sein nicht in jedem Fall kausal abhängig von Veränderungen des So-Seins der gesellschaftlichen sind (vielmehr Teile der gesellschaftlichen Verhältnisse, mithin alle, kausal abhängig von politischen Veränderungen sein können), also die nicht politischen gesell-schaftlichen Verhältnisse und die politischen Verhältnisse sich nicht gleichermaßen bzw. gleichzeitig ändern müssen, habe ich sie gesondert erwähnt. – Diese sehr grobe Betrachtung soll genügen, um zu erklären, warum ich die "politischen Verhältnisse" gesondert erwähne bzw. die Konjunktion "und" verwende anstatt "inklusive/einschließlich der" oder "also auch".

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cSiehe "Über mich", dritte Meta-Überzeugung!

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Quellenangabe:

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Alfred Lichtenstein Dichtungen, Arche Verlag 1989, 1 vgl. "Der Autor", S. 236 und S. 244, 2 "Prosa", "Geschichten", "Café Klößchen", "II", S. 183-183, sowie in "Der Autor" auf S. 252-253 zitiert, 3 "Der Autor", S. 239, 4 "Der Autor", S. 243, 5 "Der Autor", S. 236.

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Nachtrag

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Als mir in der Nacht vom 5. auf den 6.10.2025 gegen 0.30 h nach längeren Feinarbeiten an einem anderen Gedicht unvermittelt die erste Strophe mit genau diesem Wortlaut, also sofort auch mit dem Kranich und der Amsel einfiel, war der Kranich noch nicht, wie 14 Tage später wegen der unter diesen Wildvögeln ausgebrochen Geflügelpest, auch "Vogelgrippe" genannt, begin-nend, allgemein präsent – also der Vogel, an den seitdem wohl viele, nicht nur Kranich-Mögende/-Beobachter/-Kundler/-Forscher, Betroffene, zuerst gedacht hätten.a

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Inhaltlicher Input des mich überkommenden Gedicht-Gedankens war zuallererst - primär - eine Allegorie für Macht [Mächtigkeit] und dieser ausgelieferter Unterlegenheit [Ohnmächtigkeit], sodann - sekundär - für Unbedachtheit/ Unaufmerksamkeit und Zufälligkeit (wobei alles, jede Veränderung, jeder Beweggrund, in der Welt der Materie dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt), schließlich - tertiär -, sozusagen als Pointe, vielmehr Empfehlung, für (mithin durch Unwissenheit/Naivität erleichterte) Gelassenheit [Pragmatis-mus] gegenüber dem Nichtänderbaren b, als guter Rat für den (noch lebenden) Betroffenen – im Gedicht die Betroffene.

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Warum ich auf Vögel kam, weiß ich nicht, auch nicht, warum in concreto auf den Kranich und die Amsel und nicht z. B. auf den Adler und den Spatz. Vielleicht, weil der Kranich in dem Großraum, in dem ich wohne (Landkreis Osterholz, Stadt Bremen), kein seltener Vogel ist, vielleicht unterbewusst, weil sein Na-mensteil "ich" - das Ich: mich, Sie - enthält, vielleicht, weil die Amsel oft der gesuchte Singvogel in (den von mir gelegentlich zum Zeitvertreib zu lösen versuchten) Kreuzworträtseln ist. Jedenfalls sehe und höre ich am häufigsten Dohlen, Rabenkrähen, Elstern und Tauben.

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Dass der Kranich, wie ich später gelesen habe, positiv "weltweit als Symbol für Frieden, Weisheit, Liebe und Glück"c1 steht, "Bote des Glücks" c2 genannt wird, war also ebenso wenig der Beweggrund ihn zu wählen, wie seined seit etwa dem 20.10.2025 in Deutschland, hernach auch in den Ländern, in die erd zum Bezug seines Winterquartiers weiterflog (siehe a sowie viele nachfolgende Berichte),

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wegen dem von ihm ausgehenden Infektionsrisiko und der von ihm (unwillentlich, weil unwissend) auf Höfen mit Geflügelhaltung und in Geflügelgroßbetrieben verursachten Infektionen mit der Konsequenz der Keulung der gesamten Bestände,

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sicher von vielen negativ empfundene Anmutung.

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In Bezug auf die Aussage des Gedichts passt durchaus sowohl die positive Symbolik wie die negative Anmutung.

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a   Laut Microsoft-KI-Auskunft am 25.10.2025 erfolgte dieser am 20.10.2025 auf zdfheute.de

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b  Vgl. das Gelassenheitsgebet des US-amerikanischen Theologen Karl Paul Reinhold Niebuhr (*21.06.1892, †1.6.1971): "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."  (verdeutscht)

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c1  Sielmann-Stiftung.de   

c2  nabu.de

   vgl. z. B. auch Wikipedia

   und LBV

  

d  Der Singular Kranich steht hier für die Art, also für alle erkrankten Kraniche.

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