Der Spätregen
oder: die reifende Frucht
Version I-I
Es ist warm.
Und eine Schwüle hat mich eingenommen.
Leise
und kaum vernehmbar
fallen sanft
erste kleine Regentropfen
in die von Spannung
knisternde Sphäre.
Ich berühre Dich,
Du weigerst Dich, lässt es geschehen
– wir sehen uns an.
Die Regentropfen werden größer
und viel,
gleich sattgrünen Wiesen,
schon benetzt von einer
zarten Feuchte,
sich niederlassend
und mehr.
Du und ich
allein
sehen uns an
- Du -
und berührst mich.
Der Regen ist da
- selig -
sich auf mich ergießend,
die Haut
- lauwarm -.
Bedachtsam
und doch jählings
der Blitz - geladen -
und Donner, erster, folgt.
Und wieder – dann anhaltend.
Wir liegen: gleich.
Du küsst mich, ich – dann
endlich;
und sehen uns an.
Es regnet - Blitze und Donner -,
düstere Wolken, und Stürme
bald wildentfachend
zu Orkanen, gewaltig,
mit Macht, ja stählern.
Und Angst! sie naht: ich weiß,
reißend und mehr sich steigernd, ich weiß;
in gleißendem Rhythmus,
sich ständig nähernd - fieberdurchdrungen –
und nicht zu verhindern:
ich weiß, sie kommt
und mit Macht näher,
spürbar, gewaltig tosend
: die Sintflut.
Ich liebe Dich!
Der Himmel hat sich aufgetan.
Es ist, oh Herr, dein Wille.
Die Fluten, sieh', sie steigen an,
und ich soll bleiben stille.
Nur noch mein Tod
kann mich der Not
erretten und aufhalten;
drum lass ich ihn nur walten.
2./9./17.08.1981, 14./29.10.1981, 19.10.2023 und 3./11.11.2023: kleine Änderungen, 1./14.01.2024: kleine Änderungen, 5.9.2024: Komma 9. Strophe hinter Wolken
Letzte Strophe gründend auf die 1. Strophe des Chorals Was Gott tut, das ist wohlgetan, Text: Samuel Rodigast nach dem gleichnamigen einstrophigen Gedicht von Michael Altenburg, Melodie: Severus Gastorius
Version II-I
Es ist warm.
Schwüle umgibt mich
und hat auch mich eingenommen.
…
23.12.2023
Version III-I
Es ist warm.
Schwüle ist aufgezogen
und hat auch mich ergriffen.
…
14.01.2024
Version -II
…
Der Regen ist da
- selig -
mich mächtig benetzend,
die Haut
- lauwarm -.
…
14.01.2024
Meine Anmerkung von 1981:
Das an Friedrich Schillers Lied der Glocke gehaltene "Lied von der Erkenntnis meiner Gefühle", also dessen Ausweglosigkeit, ist die bildlich verdeutlichte Erzählung eines dieser doch immer gleichen und jedem Liebenden bekannten Gefühle: das allmähliche, aber stete Sich-Verlieben in einen nahestehenden Menschen.
Diese Zeitspanne (bis zum Verliebtsein) ist durch die die Parallele in der Natur zeigenden vorangestellten Verse - wegen der dadurch kontrastreicher mög-lichen Schilderung - bis in dessen leise Entwicklung zurückzuverfolgen; Anfang und geahntes Ende vereint (eine Zeit von vielen Monaten).
Dadurch, dass sich dieses Gefühl nicht durch das Gefühl selbst, sondern mehr durch die Begierde auf den Körper - und dann davon gereicht, nach immer mehr verlangend - zu dem ausweiten konnte, was es ist - eine gewisse Abhängigkeit -, sowie aufgrund der nicht auslöschbaren Erinnerungen an all die vorher erlebten (und nur erlebten) Enttäuschungen, erklärt sich die letzte, quasi als Moral dahingestellte Strophe, sodass das gesamte Gefüge mehr oder weniger einer - wenn auch ungewöhnlichen - Parabel gleicht. Weil mein Lied Lied auch insofern ist, dass ihm eine Musik zugrunde liegt, erhält diese abschließende Strophe eine besondere Prägnanz.
Mit dem Charakter Franz Liszts Variationen über Johann Sebastian Bachs Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen in völligem Einklang, hält sich die abschließende Strophe streng an den die Komposition beendenden, von ihm wunderbar eingeführten Choral Was Gott tut, das ist wohlgetan (Severus Gastorius, 1679) und die dadurch ausgedrückte gewisse Gottgläubigkeit.
Zum Erhalt dieses prägnanten Abschlusses habe ich die Reimwörter bzw. Endsilben des Liedtextes (Samuel Rodigast, 1675, 1. Strophe) und den Schlussvers unverändert übernommen (Ausnahme 5. Vers: "Gott" > "Tod") und nur den übrigen Text - so wenig wie zum Zweck der beabsichtigten Aussage nötig - geändert, damit also versucht, die von Liszt tadellos bewältigte mo-numentale Gesamtwirkung gleichermaßen auf das Gedicht zu übertragen und ihm so, gleich der mir bedeutenden Erkenntnis, besonderen Ausdruck zu verleihen.
(geringfügig korrigiert)
Überarbeitete Anmerkung (2023/2024 - Essenz):
Die inhaltliche, stilistische und strukturelle Komposition des Gedichts ist von Friedrich Schillers lyrischem Werk Das Lied von der Glocke und von Franz Liszts Orgelwerk Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen inspiriert. Es ist "Das Lied von der Erkenntnis des Sichverliebens" (> Schiller) und endet mit einem Choral (> Liszt).
– Insofern kann mehr als Schillers Lied das hier vorliegende Lied tatsächlich "Lied" genannt werden. –
Franz Liszts Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen sind Variationen über den Basso continuo des ersten Satzes [= Eingangschores] der Kantate "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" (BWV 12) und des "Crucificus" der h-Moll-Messe (BWV 232) von J. S. Bach; so auch der vollständige Werkname.
Sowohl in der Bach-Kantate wie in Liszts Variationen, insbesondere aber in Letztgenannter, insbesondere in der Orgelfassung, ist der inhaltliche und dramaturgische Höhepunkt der abschlussbildende Choral. (Musikalisch indes enthalten beide Werke einige Höhepunkte.) Der dramatische Höhepunkt, besonders in Liszts Orgelfassung, ist der Kontrapunkt zum vorherigen Drama: die Auflösung desselben, also innerer Friede, Gottgläubigkeit/Zuversicht.
Auch der inhaltliche und dramaturgische Höhepunkt des Gedichts ist der Choral. Wie die Liszt-Komposition besteht das Gedicht aus zwei Teilen. In jedem Teil sind zwei Erkenntnisse codiert, die zusammen die "Erkenntnis des Sich-verliebens" ergeben.
Im ersten Teil wird die Entwicklung des allmählichen Sichverliebens geschildert. Dazu dienen zwei verschiedene miteinander verwobene Erzählstränge.
Der Haupterzählstrang ist die Schilderung der Entwicklung der intimen Nähe-rung bis zum (heftigen) Gefühl des Verliebtseins [bzw. zum (heftigen) "Ich liebe Dich!" / "Jetzt weiß ich, dass ich Dich liebe!" bzw. bis zum Wunsch, eine partnerschaftliche Liebes- oder "Liebes"-Beziehung a einzugehen bzw. bis zum (heftigen) Begehren des gemeinsamen Auslebens erotischerb Lust, mithin der sexuellen Vereinigung, bzw. bis zum (heftigen) Gefühl, mithin Orgasmus, beim gemeinsamen Ausleben der erotischenb Lust, mithin bei der sexuellen Vereinigung c]. Ihm ist die Schilderung der Entwicklung eines (heftigen) Gewitters gegenübergestellt. Wobei letztgenannte (die Schilderung der Entwicklung eines (heftigen) Gewitters) - auch weil sie die Haupterzählung, insbesondere in der Strophe vor dem letzten Vers des ersten Teils ("Es regnet - Blitze und Donner -"), allegorisch unterstützt - ausführlicher ist und beginnt. Erst nach dem ersten Vers in Version I / nach dem zweiten Vers in Verbindung mit dem zweiten Vers in den Versionen II und III der zweizeiligen bzw. dreizeiligen ersten Strophe setzt die Haupterzählung an; es beginnt also der Nebenerzählstrang. Er endet nach sodann wechselnden Schilderungen als der Regen auf dem Höhepunkt des Gewitters zur "Sintflut"d - einer "immer-während[en], andauernd[en], umfassend[en], groß[en]" "Überschwemmung" (Quelle wie d) - wird, danach die Haupterzählung und damit der erste Teil des Gedichts mit den Worten "Ich liebe Dich!".
a Liebes-Beziehung nenne ich eine partnerschaftliche Beziehung, die aufgrund von Liebe (wahrhafter Liebe) eingegangen wurde oder wird, "Liebes"-Beziehung nenne ich eine partnerschaftliche Beziehung, die aus anderen Gründen eingegangen wurde oder wird, z. B. aufgrund von Gefühlen (Gernhaben, Verliebtsein) oder erwarteten Vorteilen oder aufgrund des Befolgens eines Rates oder aufgrund von Gehorsam, ohne dass man diese Person (wahrhaft) liebt.e Die Differenzierung erfolgt wegen der Mehrdeutigkeit der Aussage "Ich liebe Dich!" in dem Gedicht; tatsächlich ist die Aussage "Ich liebe Dich!" - wortgenau und ernsthaft gesprochen oder geschrieben - jedoch klar – ohne jedweden Interpretationsraum.
b "Erotik" ist für mich ein umfassenderer Begriff als "Sexualität", wenn es um geschlechtliche Verhaltensweisen, Emotionen und Interaktionen geht und nicht nur um "die Gegebenheit von (mindestens) zwei verschiedenen Fortpflanzungstypen (Geschlechtern) von Lebewesen derselben Art" (Wikipedia, "Sexualität", Aufruf 15.09.2024), allein schon deshalb, weil die Aussage "Wir hatten Sex miteinander" meist "Wir hatten Geschlechtsverkehr" (= Vaginalverkehr) besagen soll. Nicht jeder braucht jedoch beim Ausleben erotischer Lust mit einem Sexualpartner - Erotikpartner - (selbst wenn der Körper des Partners (d, w) eine Vagina hat) Vaginalverkehr, um Befriedigung seiner libidinösen Lust zu erreichen; und nicht für jeden ist Vaginalverkehr der Höhepunkt beim Ausleben erotischer Lust mit jemand anderem, vielmehr will ihn mancher selbst dann nicht, wenn er die Möglichkeit dazu hat, kann jedenfalls ohne Befriedigungseinbuße darauf verzichten.
c Was mit den letzten beiden Strophen des ersten Teils, insbesondere mit "Ich liebe Dich!" (obwohl diese Aussage wortgenau und ernsthaft gesprochen oder geschrieben klar ist, siehe den letzten Satz, zweiten Halbsatz von a) genau gemeint ist, bleibt unklar; um das Gedicht zu weiten, habe ich alle Deutungsmöglichkeiten von "Ich liebe Dich!" in eckige Klammern gesetzt. – Zur möglichen Interpretation, ich könnte im Gedicht "Ich liebe Dich!" autobiographisch sexuell gemeint haben: Bis zum Zeitpunkt der Gedichtniederschrift - Anfang August 1981, 4 Monate und 1 Woche nach Vollendung meines 18. Lebensjahres - hatte ich keinen "Sex"=Vaginalverkehr (sondern, aufgrund religiöser Überzeugung, erst 5,5 Jahre später, Anfang 2/1987, nach meiner kirchlichen Heirat), wahrscheinlich aber mit einer Frau, einer Abteilungskollegin an meinem Ausbildungsplatz, erste romantische erotische Begegnungen (jedoch keine partnerschaftliche Beziehung, auch keine jugendliche "Freundschaft", denn die Kollegin, die älter war - und, so sie noch lebt, ist - als ich, hatte einen Freund, jedenfalls nicht lange nach unseren zwei, drei erotischen Tête-à-Têtes).
d "Das deutsche Wort "Sintflut" ging aus mittelhochdeutsch sin(t)vluot, althochdeutsch sin(t)fluot hervor, das so viel wie "umfassende Überschwemmung" bedeutet. Es hat also nichts mit dem Wort "Sünde" zu tun. Die germanische Vorsilbe sin- bedeutet "immerwährend, andauernd, umfassend, groß" und wurde seit dem 13. Jahrhundert volksetymologisch zu "Sünd-" umgedeutet. (Wikipedia, "Sintflut", "Etymologisches", Aufruf 6.11.2023)
e Liebe ist kein Gefühl, sondern gründet auf Gefühl; Liebe ist eine Willensentscheidung. "Ich liebe Dich!" bedeutet "Ich will Dich!", entsprechend "Ich liebe Dich nicht (mehr)!" "Ich will Dich nicht (mehr)!". Eine partnerschaftliche Beziehung bedingt also nicht Liebe. Man will die Partnerschaft mit einer oder mehreren bestimmten Personen – das ist etwas anderes als - ganz und gar - diese Person(en) zu wollen; z. B. will man die Partnerschaft nur so lange, wie man der Meinung ist, durch sie Vorteile - einen Benefit - zu haben. Genau genommen ist die sogenannte "partnerschaftliche Liebe" = "erotische Liebe" das Gegenteil von wahrhafter Liebe, selbst dann, wenn sie auf wahrhafter Liebe gründet – weil partnerschaftliche Liebe Erwiderung braucht, also ein Geschäft ist (tit for tat), wer wahrhaft liebt, nachgerade aber nicht Erwiderung braucht noch erwartet noch verlangt. Siehe auch k. – Im Gedicht ist zwar keine Rede von einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung, aber nach der romantischen Schilderung der intimen Näherung bis zum "Ich liebe Dich!" kann "Ich liebe Dich!" als erwartbare Folge, als Wunsch derselben verstanden werden.
In seinem 1. Brief an die Korinther (geschrieben 54, 55, 56 oder 57 n. Chr.) - überschrieben als "Das Hohelied der Liebe" - gelingt Paulus meiner Meinung nach die gehaltvollste, umfassendste und vollkommenste Beschreibung wahrhafter Liebe:
Die Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht,
die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig,
sie sucht nicht das Ihre,
sie lässt sich nicht erbittern,
sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles,
sie glaubt alles,
sie hofft alles,
(1. Korinther 13; 4-7, Übersetzung Lutherbibel 2017)
Richtig müsste es allerdings heißen:
Wer liebt,
ist langmütig und freundlich,
eifert nicht,
treibt nicht Mutwillen,
bläht sich nicht auf,
verhält sich nicht ungehörig,
sucht nicht das Seine,
lässt sich nicht erbittern,
rechnet das Böse nicht zu,
freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
freut sich aber an der Wahrheit;
erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
duldet alles.
B e i d e s , die Gefühlsentladung (das Verliebtsein) [bzw. die Willensentladung - richtiger: die Willenserklärung = die Mitteilung der Willensentscheidung - "Ich liebe Dich!" bzw. der Wunsch, eine partnerschaftliche Liebes- oder "Liebes"-Beziehung a einzugehen bzw. die hormonelle Entladung, mithin der Orgasmus, beim Genuss des gemeinsamen Auslebens der erotischenb Lust, mithin der sexuellen Vereinigung] u n d die luftelektrische Entladung (das Gewitter mit dem Regen – der herunterfallenden, weil zu schwer gewordenen Wassertropfen -, der immer entsteht, aber lokal sehr begrenzt sein kann und manchmal verdunstet, bevor er den Boden erreicht), sind natürliche Prozesse: Mensch wie Wasser und Luft (Wolken bestehen aus kondensiertem Wasser) sind Teil der Natur.
Diese Höhepunkte beider Erzählungen, die Sintflut und "Ich liebe Dich!" [gemeint vielleicht nur "Ich bin verliebt in Dich!" (siehe a und e) oder "Ich möchte / ich will mit dir zusammen leben!" oder "Ich will x [= meine/Deine erotischeb Lust] mit Dir erleben/ausleben!" oder "Ich will mit Dir "schlafen"!" oder "Das Ausleben meiner/Deiner erotischenb Lust] war wunderschön/fan-tastisch/grandios!" oder "Der Sex mit Dir war wunderschön/fantastisch/ grandios!"], die sich zur Sintflut "Ich-liebe-Dich!" vereint haben, könnten das gute Ende des Gedichts sein. Sie sind jedoch nur das Ende des ersten Teils. Die im ersten Teil codierten Erkenntnisse sind:
1. Der offensichtliche triviale Ablauf des allmählichen Sichverliebens (der sich freilich auch anders zutragen kann als im Gedicht dargestellt).
2. Das mutmaßliche Faktum der Geworfenheit in seine Gefühle [bzw. in sein Wollen ("Ich liebe Dich!") bzw. in sein Wünschen einer partnerschaftlichen Liebes- oder "Liebes"-Beziehung a bzw. in seine erotischenb Begierden f] = das mutmaßliche Faktum, dass man sich seiner Gefühle nicht erwehren kann [bzw. nicht seiner Willensentscheidung "Ich liebe Dich!" bzw. nicht seinem Wunsch, eine partnerschaftliche Liebes- oder "Liebes"-Beziehung a einzugehen bzw. nicht erotischenb Lüsten, Reizen und Befriedigungsmöglichkeiten f, d. h. nicht seinem Willen, erotischeb Befriedigung zu finden f].
f Keinesfalls soll mit dieser Aussage das Unrecht der sexuellen Belästigung/Übergriffigkeit oder gar sexuell motivierter Gewalt bagatellisiert - kleingeredet/verharmlost/verniedlicht - oder gar geleugnet werden (wobei nach meinem Verständnis bereits sexuelle Belästigung/Übergriffigkeit Gewalt sein kann – dann nämlich, wenn sie erkennbar oder mutmaßlich gegen den Willen des/der Betroffenen vollzogen wird). Sie bezieht sich kontextgemäß ausschließlich auf einvernehmliche, d. h. vom anderen gewünschte/angebotene erotischeb Handlungen.
Nun aber - im oder kurz nach dem Moment der Glückseligkeit - werden dem Protagonisten des Gedichts folgende zwei - einstweilen vergessene oder ver-drängte - Erkenntnisse wieder gegenwärtig. [Dies aufgrund der nicht aus-löschbaren Erinnerungen an all die vorher erlebten bzw. nur erlebten und/bzw. ihm zu Kenntnis gekommenen Ent-Täuschungeng [1.] von den Erwartungen und Hoffnungen des Verliebtseins, [2.] den erlebten erotischenb Befriedigungen und [3.] den partnerschaftlichen Liebes- oder "Liebes"-Beziehungen a.]
g Enttäuschungen sind Ent-Täuschungen von Täuschungen, nämlich von Selbsttäuschungen – es sei denn, dass man von jemandem absichtlich getäuscht wird (dann ist die übliche Schreibweise "Enttäuschung" inhaltlich zutreffend).
1. Die Erkenntnis, dass sich das Gefühl des allmächlichen Sichverliebens nicht durch mehr Gefühl verstärkt (hat), sondern durch erotische Begierden, die dann, ein Mal befriedigt, zur Sucht, zur Abhängigkeit werden – eine Zufrie-denheits- und Glücksabhängigkeit, mithin sogar eine Abhängigkeit, deren negative Folgen das gesamte Leben und Weben und Sein h betreffen.i
h Vgl. Apostelgeschichte 17; 28: "Denn in ihm leben, weben und sind wir […]." (Übersetzung Lutherbibel 2017)
i Der Unterschied ist: Erotischeb Begierden infolge des Gernhabens / Verliebtsein / der Liebe oder Gernhaben/Verliebtsein/Liebe infolge erotischerb Begierden.
[Genau das, dieses Sichaufdrängen der erotischenb Begierden hat der Prota-gonist des Gedichts soeben wieder erlebt; genau das beschreibt der erste Teil des Gedichts. – Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Liebe und im Idealfall auch partnerschaftliche Liebe (die partnerschaftliche Liebes- und "Liebes"-Beziehung a) und erotischeb Begierden auf Gefühle, mithin Verliebtsein, grün-den (siehe auch e) – erotischeb Begierden sicherlich manchmal, wenn nicht gar häufig, auch bereits bevor die Gefühle des Gernhabens und Verliebtseins überhaupt entstehen, manchmal sogar grundsätzlich unabhängig davon (z. B. bei der Inanspruchnahme gewerblich angebotener erotischerb Dienstleis-tungen).]
2. Die Erkenntnis, dass das Sichverlieben und das Verliebtsein und das Ausleben erotischerb Lust (mit jemand anderem) nicht von dauerhaftem Glück sein werden, dass zudem eine neue Sorge ("Not") gegenwärtig sein wird.j
j In den späteren Lebensjahren, jedenfalls nachdem man dergleichen einige Male erfahren hat, ist man aufgrund der diesbezüglichen Erkenntnis möglicherweise nicht mehr willig, sich auf ein intimes Näherverhältnis einzulassen – auch, weil man möglicherweise keinen Reiz mehr darin sieht.
[Dies als Folge der einstweilen gestillten Gefühle/Begierden/Sehnsüchte. Es tut sich also nur ein neuer Raum des Lebenshauses - derselben grundsätzlichen Lebensproblematik - auf ("Der Himmel hat sich aufgetan"). Dasselbe gilt für partnerschaftliche Liebes- und "Liebes"-Beziehungen a.k
k Wer wahrhaft liebt, erwartet und verlangt nichts vom Geliebten / von der Geliebten - fragt nicht nach Glück, nicht nach der Befriedigung eigener Bedürfnisse (siehe e) und kennt deshalb keine auf den Geliebten / die Geliebte bezogene Ent-Täuschung (siehe g). Trotzdem wird auch wer wahrhaft liebt (m, d, w) eine partnerschaftliche Beziehung nur dann "wohltuend", "erfüllend" oder zumindest "okay" nennen, mithin aufrechterhalten, wenn er das Gefühl hat, dass er mindestens so viel zurückerhält wie er selbst glaubt einzubringen - zu investieren -, eben tit for tat. Denn nicht jeder ist willens oder psychisch dazu überhaupt in der Lage, für sein Lieben zu leiden, mithin seine psychische, womöglich auch physische Gesundheit zu riskieren oder gar schädigen zu lassen oder durch selbstlose Hinnahme belastenden Verhaltens selbst zu schädigen. Jemanden wahrhaft zu lieben, kann also sehr traurig, sehr unglücklich machen – nicht nur dann, wenn die Liebe (gar) nicht erwidert wird, also vollständig ins Leere geht.
Die Vergegenwärtigung dieser Erkenntnisse und die Erkenntnisse selbst sind nicht im Gedichttext beschrieben, d. h. nicht wie die beiden des ersten Teils aus dem Text herauslesbar, sondern spielen sich allein im Kopf des Protagonisten des Gedichts ab.
Auf diesen und den ersten beiden Erkenntnissen gründet der Choral. Er gibt dem Gedicht eine Moral, wodurch es sowohl einer (wenn auch untypischen) Fabel als auch einer (untypischen) Parabel gleicht und das soeben erreichte Glück jäh beschwert. Das ist die Tragik des im Gedicht soeben erreichten Glücks. Sein eigentlich gutes Ende wird zu einem nicht guten. Verliebtsein [und Liebe (siehe k) und partnerschaftliche Liebe (die partnerschaftliche Liebes- und "Liebes"-Beziehung a) und das Ausleben erotischerb Lust ist ambig, so wie alles im Leben. Einzig im Tod kann Erlösung, endgültige - vollkommene - Ruhe, endgültiger - vollkommener - Friede, gefunden werden ("Nur noch mein Tod kann mich der Not").
Liszt verwendete wie Bach in der Kantate als Schlusschoral die letzte=sechste Strophe des Lieds Was Gott tut, das ist wohlgetan (Liszt schreibt sie zu den Noten, lässt sie aber nicht singen; Orgel- und Klavierfassung sind reine Ins-trumentalwerke):
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die raue Bahn
Not, Tod und Elend treiben,
so wird Gott mich
ganz väterlich
in seinen Armen halten,
drum lass ich ihn nur walten.
(Text: Samuel Rodigast, Melodie: Severus Gastorius)
Der Choraltext des "Lied[s] von der Erkenntnis des Sichverliebens" gründet indes auf die bekanntere erste Strophe:
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
es bleibt gerecht sein Wille.
Wie er fängt meine Sachen an,
will ich ihm halten stille.
Er ist mein Gott,
der in der Not
mich wohl weiß zu erhalten,
drum lass ich ihn nur walten.
(Text und Melodie siehe oben sechste Strophe)
Anders als im Original-Liedtext und damit anders als in der Liszt- und Bach-Komposition wird die Not (die in beiden Kompositionen vorher besteht) mit ihm also nicht aufgelöst, sondern erst zum Ausdruck gebracht – das allerdings bei unveränderter "mitgehörter" Gottgläubigkeit/Zuversicht ausdrückender Melo-die des Lieds. Denn zu den Worten von Rodigast gehören die Noten von Gastorius; nur beides zusammen ergibt das bekannte Lied. Bei jedem, der es kennt, ist es so im Gehirn gespeichert; deshalb "hört" jeder, der das Lied kennt, wenn er auch nur an es denkt oder den Text hört oder liest, die Melodie dazu. Das Original-Lied / der Original-Choral wird also parodiert.
– Insofern ist der Choral des Gedichts vergleichbar mit dem Hexensabbat (V. Satz) in der berliozschen Liebesverarbeitung Symphonie fantastique (siehe meine Anmerkungen zum Gedicht S F 3. Februar 1983). So, wie Berlioz im letzten Satz seiner Sinfonie mit der Veränderung der Melodie des Dies irae das Dies irae parodiert, wird in der letzten Strophe des Gedichts mit der Veränderung des Textes des Lieds Was Gott tut, das ist wohlgetan das Lied Was Gott tut, das ist wohlgetan parodiert. –
Zusätzlich enthält der Gedicht-Choraltext fast in jedem Vers eine Mehr-deutigkeit.
Vers 1 "Himmel", Vers 2 "Wille", Vers 3 "Fluten" = das Verliebtsein [bzw. die Liebesentscheidung bzw. der Wunsch einer partnerschaftlichen Liebes- oder "Liebes"-Beziehung a bzw. das Begehren des gemeinsamen Auslebens erotischerb Lust, mithin der sexuellen Vereinigung, bzw. das Erleben des gemeinsamen Auslebens erotischerb Lust, mithin der sexuellen Vereinigung] oder die dadurch entstandene / damit entstehende Not? Vers 4 bezogen auf das Verliebtsein [bzw. die Liebesentscheidung… (vollständig wie vor)]? Vers 7: wie Vers 4. Vers 8: Fügen ins erreichte Glück oder in die Not / den Tod? – Der, der den Liedtext Was Gott tut, das ist wohlgetan kennt, wird in Vers 8 möglicherweise eine weitere Doppeldeutigkeit interpretieren: "ihn" = Gott oder der Tod? Denn in Vers 5 des Gedicht-Chorals ist anstatt Gott der Tod gesetzt. Auch weil der Tod üblicherweise nicht mit "walten lassen" in Verbindung gebracht wird, ist es, obwohl der Text klar ist - weil das Gehirn darauf angelegt ist, Informationen schnell zu verarbeiten, um schnelle Ergebnisse zu liefern -, nicht unwahrscheinlich, "ihn" (beim ersten Lesen, in der Erinnerung) auf Gott zu beziehen, jedenfalls zu überlegen, wer mit "ihn" gemeint ist.
Um 1. die Wirkung des prägnanten Abschlusses des Liszt- und des Bachwerks und insbesondere die von Liszt in der Orgelfassung geschaffene monumentale Gesamtwirkung auf das Gedicht zu übertragen, und 2. die inhaltliche Ver-drehung der Liedaussage nicht zu plakatieren, sondern eine "stille" sein zu lassen, also um die Erkennbarkeit der Parodie zu erschweren, hält sich der abschließende Vers streng an den die Musikkompositionen beendenden Schlussvers des von Liszt und Bach genial eingefügten Schlusschorals (auch die erste Strophe des Lieds endet mit diesen Worten, und zwar nur die erste und die letzte Strophe) - dadurch an die im Original-Choral mit beiden musi-kalischen Werken zum Ausdruck gebrachte Gottgläubigkeit/Zuversicht - und wurden die Reimwörter bzw. Endsilben der vorhergehenden 7 Verse der ersten Strophe (Ausnahme 5. Vers: "Gott" > "Tod") übernommen und nur der übrige Text zum Zweck der beabsichtigten Aussage geändert, und zwar so wenig wie nötig bzw. möglich.
Eine ähnliche Aussage wie von mir im tragischen Höhepunkt des Gedichts findet sich notabene auch bei Rainer Maria Rilke (*4.12.1875, †29.12.1926) in seinen Duineser Elegien (die ich damals, bei der Niederschrift des Gedichts, noch nicht kannte):
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Denn Bleiben ist nirgends.
Warum, wenn es angeht, also die Frist des Daseins
hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem
Blattrand (wie eines Windes Lächeln) –: warum dann
Menschliches müssen – und, Schicksal vermeidend,
sich sehnen nach Schicksal? ...
Oh, nicht, weil Glück ist,
dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.
Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,
das auch im Lorbeer wäre ...
Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar
alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Ein Mal
jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch
ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
(erste Strophe: Anfang der Ersten Elegie, zweite Strophe: aus Vers 53, letzten drei Strophen: Anfang der Neunten Elegie, Unterstreichungen: A.C.)
[Möglicherweise veröffentliche ich zu einem späteren Zeitpunkt die vollständige überarbeitete Anmerkung. Die hier veröffentlichte Essenz beinhaltet alle Informationen zum Gedicht; die noch zu bearbeitenden nicht veröffentlichten Passagen geben lediglich Anmerkungen und Erklärungen zu einigen meiner Aussagen und zu weiteren verwendeten Begriffen.]