Gedichte – Andreas Chilinski

Andreas C.

S F 3. Februar 1983

S F 3. Februar 1983

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oder

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Was übrigbleibt von Dir

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oder

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Dann

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Weit

von Deinem Glück

und doch

so nah bei ihm

ist das

was man kein Glück

nennt

.

[Dann]

Dann ist nur die Lust

noch Deine Lust

vielleicht

und Deine Sehnsucht

wie gewesen

Deine Liebe

kann noch Liebe sein

(weit von Deinem Glück)

.

Aber ich

bin nicht mehr Du

weil Deine Gedanken

wiedergeboren

mich von dem

was ich Dir war

(in Deinem Glück)

entthronen

.

[Dann]

Deine Sehnsucht nach mir

und Deine Liebe

gehen dann

die Straße

durch das

Großtor

und mein Glück

eilt ihnen

dann nach

.

Nur ich

bin noch

in der Stadt dann

und Deine Lust

vielleicht

meine Sehnsucht

und meine Liebe

Nur noch ein Rest

von Dir

und ein Hauch

voll Entsetzen

Dein Name

.

WIE EIN SCHREI

gellt er

– Dir nach

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1./2./3.2.1983, 30.04.2024: eckige Klammern anstatt gebogene, nach Erich Fried Dann

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Vielleicht ist es stringenter, auch über die vorletzte Strophe "[Dann]" zu setzen. Ich finde Ar-gumente dafür und dagegen, und belasse deshalb die ursprüngliche Niederschrift.

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Der Titel entlehnt sich Hector Berlioz' am 5.12.1830 uraufgeführter Symphonie fantastique - Episode de la vie d'un artiste, op.14.

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Erich Fried (*6.5.1921, †22.11.1988)

Dann

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Anmerkung I:

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Die von Berlioz im II., III., IV. und V. Satz gedachten verschiedenen imaginären Szenerien

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– in denen der Protagonist der Sinfonie an die Geliebte denkt (II. Satz: auf einem Ball (Tanzball, Festball), III. Satz: abends auf dem Lande), sie nach verzweifelter Opiumeinnahme a, um seinem Leben ein Ende zu setzen, im Traum tötet, dann deshalb hingerichtet - geköpft - wird (IV. Satz) und sie hernach beim Hexensabbat zu seiner Totenfeier inmitten des orgiastischen Treibens - als Hexe unter Hexen, von ihnen mit Freudengebrüll begrüßt, mittanzend - wiedersieht (V. Satz) –

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entsprechen dem Gedicht zwar nicht, aber das Drama der autobiographischen Sinfonie ähnelt dem Drama des autobiographischen Gedichts: Beide Liebenden haben Liebesschmerzen: der Liebende in der Sinfonie (= der junge Komponist, bei der Uraufführung 6 Tage vor Vollendung seines 27. Lebensjahres, in Harriet verliebt im Alter von 24), weil seine Liebe nicht erwidert wird, der Liebende im Gedicht (= der junge Lyriker, knapp 2 Monate vor Vollendung seines 20. Lebensjahres), weil seine Liebe erwidert wird (nämlich aus Sorge um die mögliche Entwicklung der Liebesbeziehung), oder anders: der Liebende in der Sinfonie (= der junge Komponist) wegen der nicht bestehenden Liebes-beziehung (nämlich, weil seine Liebe nicht erwidert wird), der Liebende im Gedicht (= der junge Lyriker) wegen der bestehenden Liebesbeziehung (nämlich in Sorge um die mögliche Entwicklung derselben). Außerdem ist die Dramaturgie der Sinfonie vergleichbar mit der Dramaturgie des Gedichts.

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Die Angaben sind uneinheitlich. Ich beziehe mich auf 1 und 2. Andere Quellen setzen die Opiumeinnahme bereits an den Anfang der Sinfonie, also als Ausgangspunkt aller Fantasien, d. h. der gesamten Sinfonie. Wahrscheinlich ist, dass Berlioz das zu den Konzerten verteilte Programm gelegentlich geändert hat b, also beide Versionen von ihm selbst stammen. Hier das vollständige Sinfonie-Programm einer Quelle: "Ein junger Musiker von krank-hafter Empfindsamkeit und glühender Phantasie hat sich in einem Anfalle verliebter Verzweiflung mit Opium vergiftet. Zu schwach, den Tod herbeizuführen, versenkt ihn die narkotische Dosis in einen langen Schlaf, der von seltsamen Visionen begleitet wird. In diesem Zustand geben sich seine Empfindungen, seine Gefühle und Erinnerungen durch musikalische Gedanken und Bilder in seinem kranken Gehirne kund. Die Geliebte selbst wird für ihn zur Melodie, gleichsam zu einer fixen Idee, die er überall wiederfindet, überall hört."3

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1  https://de.wikipedia.org/wiki/Symphonie_fantastique

2  https://www.ndr.de/orchester_chor/radiophilharmonie/discover_music/

       begleitmaterial118.pdf

3  https://www.stuttgarter-hilharmoniker.de/assets/files/spielzeit_2016_17/berlioz.pdf,

       vgl.

4  https://magazin.klassik.com/meisterwerke/template.cfm?MID=32&SEITE=

       3&START=5775

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Aufrufe allesamt 17.10.2023

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bSo jedenfalls Eberhardt Klemm in seinem Nachwort zu den Memoiren Berlioz'. (Hector Berlioz Memoiren, Übersetzung Elly Ellès, Philipp Reclam jun. Band 340, 1. Auflage 1967, Nachwort, S. 526) und Anthony Burton in der Beilage der DECCA-Solti-Liveaufnahme von Salzburg 8.6.1992 (CD 436 829-2).

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Anmerkung II:

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Anders als die Sinfonie lässt das Gedicht keinen Raum für das Vorhandensein oder die Unterstellung von Rache bzw. einem Umschlagen der Liebe in Hass (IV. und V. Satz) – wobei man mit einer solchen Interpretation Berlioz bzw. dem Liebenden in der Sinfonie sicher auch Unrecht täte. Zudem ist ein Mord, den man träumt (IV. Satz), kein begangener Mord, und ein Mord aus Liebes-verzweiflung nicht per se ein Mord aus Hass. Auch den Hexen und der Geliebten beim Hexensabbat (V. Satz) kann man nicht per se Rache oder Hass unterstellen oder dem Liebenden nunmehr ein Umschlagen seiner Liebe in Hass. – Ist es Rache für die Nichterwiderung der Liebe, die Geliebte im Schlusssatz als Hexe erscheinen zu lassen? (Wenn Berlioz dies denn tatsächlich/grundlegend im Sinn hatte; sie kann ja auch eine Besucherin des Hexensabbats gewesen sein.) Wer liebt oder geliebt hat, weiß, dass es im Bereich des Möglichen liegt, die Geliebte / den Geliebten aus dem ein und anderen Grund auch mal zu verwünschen und auf andere Weise für Augenblicke oder gar Minuten, mithin Stunden, seine Liebe zu vergessen oder hintan zu stellen.

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"Ursprünglich wollte Berlioz in seiner Symphonie fantastique ja seine außerordentliche Liebe zu Harriet Smithson schildern, aber wie bereits erwähnt, schlugen seine Gefühle ins Gegenteil um, während er an der Symphonie arbeitete. Im Finalsatz läßt Berlioz nun seine ehemals Angebetete als Hexe unter Hexen auftreten und macht aus der idée fixe eine spöttische, ja beleidigende Tanzweise. Dennoch schrieb Berlioz an Ferrand: "Die Rache ist nicht zu gewaltig." So wird es Madame Smithson wohl auch gesehen haben, denn immerhin hat sie Berlioz noch geheiratet." (4, "Fünfter Satz", Einfügung Anführungszeichen A. C.)

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"Das Hauptthema erscheint allerdings in ganz verschiedenen Varianten, es versucht nicht immer, die Anmut der Geliebten nachzuzeichnen, sondern beschreibt sie auch in eifersüchtiger Wut zu Beginn der 2. Reprise (ab Takt 410)." (4, "Erster Satz")

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In Berlioz' Memoiren nimmt die Symphonie fantastique keinen großen Raum ein. An einer Stelle, zur Aufführung am 9.12.1832 in Paris, zu der er Harriet über einen Dritten einladen ließ, schreibt er: "Dieser Erfolg, der leidenschaftliche Zug des Werkes, seine glühenden Melodien, seine Ausrufe der Liebe, seine Ausbrüche der Wut und die heftigen Schwingungen eines solchen Orchesters in nächster Nähe gehört, mußten auf ihre seelische Verfassung und poetische Phantasie [eig. Anmerk.: die der von ihm geliebten Harriet Smithson] einen ebenso unerwarteten wie tiefen Eindruck machen und machten ihn in der Tat." (Hector Berlioz Memoiren, Übersetzung Elly Ellès, Philipp Reclam jun. Band 340, 1. Auflage 1967, "44", S. 200) Und zuvor: "[…] als ich im Jahre 1829 daran ging, meine Phantastische Symphonie zu schreiben. Sie schien mir ein pas-sender Ausdruck für jene niederdrückende Traurigkeit eines jungen Herzens, welches von einer hoffnungslosen Liebe gequält zu werden beginnt, und ich nahm sie auf." (Hector Berlioz Memoiren, wie vor, "4", S. 23)

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Wirkliche Rache ist etwas anderes. Die Sinfonie so zu deuten, dass es darauf hinausläuft, dass die Geliebte eine "Hexe" ist, also schon immer war, oder jedenfalls einer "Hexe" gleich oder ähnlich, dass sich der nicht wiedergeliebte Liebende damit trösten will, heißt m. E. die Sinfonie falsch zu verstehen.

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Berlioz selbst spricht in seinen Memoiren bezogen auf die Sinfonie von einem "schmerzvollen Drama" (Hector Berlioz Memoiren, Übersetzung Elly Ellès, Philipp Reclam jun. Band 340, 1. Auflage 1967, S. 200) Eberhardt Klemm meint: "Man könnte aus der Phantastischen Symphonie auch ein Pathos des Vermissens heraushören, der Klage um die Geliebte, um das verlorene Glück." (Hector Berlioz Memoiren, wie vor, Nachwort, S. 527)

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Auch darf man nicht außer Acht lassen, dass es sich um eine Komposition - um ein künstlerisches Werk - handelt, das begeistern und mitreißen soll und dafür kompositorischen Ansprüchen genügen muss. Vor allem aber darf man nicht unberücksichtigt lassen, welchen Charakters Berlioz war und wie er insgesamt komponiert hat.

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Anmerkung III:

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S F 3. Februar 1983 habe ich inspiriert von Erich Fried's Dann am 1.2.1983 geschrieben, am 2. und 3.2.1983 nachgefeilt und am 3.2.1983 fertiggestellt. Die Datumsangabe im Titel sowie der am 1.2.1983 ursprünglich notierte Titel Was übrigbleibt von Dir deuten darauf hin, dass ich wohl erst als das Gedicht fertiggestellt war bzw. ich die Erstversion bearbeitete feststellte, wie sehr es zur Musik und zur Erzählung der Symphonie fantastique, damals wie heute eine der mich emotional am meisten ansprechenden und ergreifenden Orches-tersinfonien, passt – vielleicht, weil sie - jedenfalls für mich - eine (insgesamt traurige) Liebessinfonie (und keine Rachesinfonie, siehe Anmerkung II) ist. Deshalb die weiterhin aufrecht erhaltene Hommage mit dem Titel. Unter ihm habe ich zur deutlicheren Erklärung des Skripts - der Erzählung - meinen ursprünglich gewählten Titel sowie den Friedschen Gedichttitel gesetzt – womit mein ursprünglich gewählter Titel würdig von dem eines meiner Lieblingskomponisten - Berlioz - und dem eines meiner Lieblingslyriker - Fried - eingerahmt ist.