Gedichte – Andreas Chilinski

Andreas C.

Die einzige Feier

Die einzige Feier

(am Geburtstag 2020)

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I.

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Am Tag des

Gedenkens des Gewordenseins

- des von der Bedeutung

und Wirkung dunkelsten Tages -

wäre Gestorbensein

- der hellste Tag -,

Feier ohne mich,

der einzige Grund zur Feier.

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II.

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Nur ein altes Mütterlein

- eine Hundertjährige -,

deren Blut nicht das ist,

das mich belebt,

belebt meine

Nichtfeier heute,

und benetzt

- wenn sie dann noch ist -

jene einzig wahre, triumphale,

jedoch mir nicht mögliche

Feier morgen.

― Komm, sel'ges Nun!*   

Meines bist du.

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III.

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Hab' ich nicht früher

- aus diesem

und jenem Grund -

gefeiert?

Doch, doch,

das ein und andere Mal.

Aber lang her,

und ich war ein anderer.

Ich dachte wie die meisten.

Ich hatte noch nicht

den richtigen Blick.

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23.03.2020, in der Frühe vor dem Aufstehen

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*   Vers abgeleitet von "Komm, sel'ge Ruh'!",

  Johann Sebastian Bach Komm, süßer Tod, BWV 478,

  Textdichter unbekannt

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Das alte Mütterlein, die Hundertjährige, war L. M. (*17.01.1920, †07.11.2021), siehe

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Wirklichkeit

Requiem für L. M.

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