Gedichte – Andreas Chilinski

Andreas C.

Zufallsgedicht

Gebet

Gebet

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Sonnengegleiß,

entfärbtes Weiß:

Sei mir Labsal!

Einen Wärmestrahl!

                                                

Regengewucher,

Beschwerungssucher:

Gewähre Rücksicht!         

Benäss' mich nicht!

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Windgemeer,

wildes Leer:

Besänft'ge dich!

Umhülle mich!

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Himmelsgebälk,

gebläutes Welk:

Lass' Wolken nicht zu!

Bring' mich zur Ruh'!

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3./4./6.5.2023

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Die Disharmonien/Paradoxa der Bezeichnungen der Angerufenen und zwischen den Na-men/Bezeichnungen und den Anrufungen/Bitten sind wesentliches Stilmittel für zwei der drei Aussagen und nicht der Reimfindung geschuldet.

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Aussage 1: Naturkräfte bringen nicht nur "Segen", sondern auch Not und Leid; sie haben eine Kehrseite.*

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Aussage 2: Es besteht eine Hilfesituation: Suche nach Wohlbefinden, Ruhe (Strophen 1-3), besterdings Tod (Strophe 4).

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Aussage 3: Weil Naturkräfte (Aussage 1) nicht nur vorteilhaft - "gut" - sind, und zudem Hilfe, wenn sie denn kommt, instabil=zeitbegrenzt ist, sind die Anrufungen um Hilfe - ist das "Gebet" - mit Zweifeln durchzogen.

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* In dem Maße wie Naturkräfte "segnen", gefährden und zerstören sie. Diejenigen, die an einen allmächtigen, allwissenden bzw. einen über alle anderen Götter stehenden Gott (u. a. als Schöpfer der Naturkräfte) glauben, müssen, wenn sie ehrlich sind und Logik zulassen, dasselbe über Gott bzw. den Chef-Gott befinden: Wer alle Macht hat (und alles erschaffen), der hat auch alle Verantwortung! Selbst dann, wenn er das "Böse" - das Zufügen von Schaden, Not und Leid - nicht eingreifend zulässt bzw. andere tun lässt oder gar (wie der Gott des Tanach und der Bibel im Buch Hiob) willentlich zu tun gestattet; schon wenn er nicht alle Macht hätte wäre er mitverantwortlich, also Mittäter. Freilich erklärt sich der Gottgläubige nicht angenehme Erfahrungen mit der Sinnhaftigkeit bzw. Notwendigkeit für seine seelische Ausreife und/oder sein Seelenheil; eine andere Möglichkeit als diese Selbsttröstung und Hoffnung hat er, so er gottgläubig bleiben und nicht verzweifeln will, nicht. Desgleichen, wenn er das Unglück und Leid bzw. Leiden eines anderen verstehen und diesem Trost spenden und Hoffnung machen bzw. stabilisieren will. Indes besteht aufgrund des Gesetzes von Ursache und Wirkung - Ursache > Wirkung = Ursache > Wirkung und so fort - auch ohne religiöse Begründung, d. h. ohne die Überzeugung, dass es Gott, Götter oder sonst eine übernatürliche intelligente len-kende/bestimmende personale oder nichtpersonale Macht oder Gesetzmäßigkeit (z. B. das Universum, das Karma), mithin ein unvergängliches Ich (eine unsterbliche Seele) gibt, Notwendigkeit, nämlich die Notwendigkeit von allem, das ist und wie es ist.

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Am 11.05.23 (in einer Todesanzeige) zum ersten Mal gelesen; ähnliche Bildersprache, fast ähnliche Aussage:

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Die Sonne ruf ich an, das Meer, den Wind,

Dir ihren hellsten Sonnentag zu schenken,

Den schönsten Traum auf Dich herabzusenken,

Weil Deine Nächte so voll Wolken sind.

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(Mascha Kaléko, aus Weil Deine Augen so voll Trauer sind)

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